Als Kärntner in Wien Lehrer sein – der Anfang

Als Kärntner in Wien Lehrer sein – der Anfang

Nachdem ich in Kärnten am Land aufgewachsen bin und nie längere Zeit in der Stadt verbracht habe, zog ich nach Wien. Am Sonntag hin und am Donnerstag war schon der erste Termin in meiner Schule. Was mich dazu brachte in Wien zu bleiben und was dabei alles gut ist, berichte ich hier.

Vorgeschichte

Nach dem Lehramtsstudium in Klagenfurt war klar, dass in Kärnten nur ganz wenige, die mit mir studierten, einen Job erhalten werden. Ich war in einer guten Situation, da ich drei Angebote erhielt. Alle waren für sich schlecht. Entweder unsicher, in der Personalreserve oder weit weg. Ich beschloss also wegzuziehen. Vorarlberg hätte mir auch gut gefallen, meine bessere Hälfte jedoch war bereits in Wien. So ergab sich eine Win-win-Situation. Job und Freundin endlich am selben Ort. Ich bewarb mich schon im Juni bei der Stadt Wien um einen Posten. Leider ließ die Verwaltung lange auf sich warten und schlussendlich erhielt ich sogar eine Absage. Die Auskunft war: „Wir haben bereits genügend Lehrerinnen und Lehrer“. Da ich aber von einer ehemaligen Studienkollegin erfuhr, dass im Herbst oft noch Plätze frei werden, fuhr ich präventiv am Sonntag vor dem Schulbeginn nach Wien.

Am ersten Schultag passierte nicht viel, ich musste mich noch gedulden. Am Dienstagmorgen läutete dann mein Handy, eine 01er Nummer rief mich an. Die offenbar gestresste Dame ließ mich wissen, dass es noch freie Stellen für mich gäbe, wenn ich denn Interesse hätte. Das hatte ich und so las sie mir viele Schulen und Adressen vor – ich musste sie fünf Minuten später mit einer Antwort zurückrufen. Da ich keine Ahnung von Wien und den Schulen hier hatte, musste ich mich voll und ganz auf Google-Maps und die Webauftritte der Institutionen verlassen. Fazit: Eine Homepage schlechter als die andere, Kürzel und Vokabel, die ich nie zuvor gehört habe. Unteranderem begegneten mir KMS, WMS, NMS und MMS.

Am Ende gab es für mich persönlich zwei Schulen, eine in Favoriten mit Sprachenzweig und eine musisch-kreative in Penzing. Meine Freundin meinte, dass ich wohl eher in Penzing unterkommen sollte. Ich gab das telefonisch bekannt und bekam direkt einen Termin im damaligen Stadtschulrat, um meine Daten zu überprüfen: Donnerstag, 09:00 Uhr im ersten Wiener Gemeindebezirk. Um 11:00 Uhr sollte ich mich dann in der Schule melden und vorstellen. WMS stand in der Ausschreibung, die URL der Homepage begann mit KMS und auf der Homepage stand NMS.

Eine Kollegin und ich, das kam dann später heraus, übernahmen eine neu-aufgemachte 4. Klasse mit 18 Jugendlichen zwischen 14 und 17, die größtenteils kein Wort von uns verstanden. Der Zustrom aus aller Welt war zu groß, die Schülerinnen und Schüler konnten nicht verteilt werden. Eine Herausforderung im ersten Jahr des öffentlichen Dienstes. Gemeinsam und da bin ich meiner Kollegin dankbar, schafften wir es bis zum Ende des Schuljahres, einige bis in die Oberstufe zu bringen. Ein teilweise voller Erfolg. 

Neben den gefühlten 100.000 Abkürzungen und Dienstwegen, Gesetzen und Erlässen gibt es da noch das Unterrichten. Die Kinder verwenden bereits in der ersten Klasse die Artikel falsch, Fälle sind ebenso vertauscht. Das war ein Schock für mich – am Anfang zumindest. Ab und zu muss ich schon noch darüber lachen, doch eigentlich ist es eher traurig. Ich stellte fest, hier in Wien ist alles anders als am Land in Kärnten. Vor allem musste ich meinen Fokus nicht nur auf den Unterricht an sich setzen, sondern auch auf viele andere Probleme. Manche davon sind auch der Sprache geschuldet. Kinder können sich oft nicht ausdrücken oder verwechseln Wörter und verstehen andere nicht. Daraus ergibt sich ab und zu Streit. Nach dem ersten Jahr begann ich als Klassenvorstand einer ersten Klasse. Ich freute mich sehr darauf. Nach dem ersten Elternabend war mir klar woher das mit der Sprache kommt. Die Schülerinnen und Schüler haben oft Eltern, die selbst der deutschen Sprache kaum mächtig sind. Woher sollten die Kinder also die Unterrichtssprache lernen. Während meine Schülerinnen und Schüler Deutsch lernen, lerne ich unaussprechliche Namen und fremde Kulturen kennen.

Die erste Überraschung gab es zu Weihnachten. Ich schlug der Klasse vor, dass wir Wichteln könnten, doch niemand verstand mich, ich musste meine Kollegin zur Hilfe holen. Sie übersetzte: „Engerl und Bengerl meint Herr Hebein“. Danke auch an dieser Stelle. Die Kinder waren begeistert und das funktionierte auch hervorragend. Was ich nach Weihnachten erst erfuhr, manche Kinder feiern Weihnachten nur teilweise oder gar nicht. Zumindest gibt es in einigen Ländern und Kulturen keine Geschenke – das war mir völlig fremd, für die Kinder aber ganz normal. Das war wohl der Grund, warum sich so viele freuten.

Ganz anders als in der Heimat gibt es hier so viele verschiedene Namen, dass kaum gleiche in der gesamten Schule auftauchen. Sollte der seltene Fall eintreten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man die Namen unterschiedlich schreibt. Eine Herausforderung für mich, weil ich mir Vokabeln genauso schlecht merke wie Namen. Ich musste mich zu Hause hinsetzen, die Namen lernen und auch die Aussprache. Es gibt wohl kaum etwas schlimmeres, als wenn der Lehrende ständig „du da“ sagen muss.

Ich muss schon sagen, dass jeder in der Heimat nur den Kopf schüttelt, wenn er erfährt, dass ich in Wien Lehrer bin. Die erste Frage, die mir immer gestellt wird, lautet: „Und, wie sind denn die Kinder, schlimm, oder?“. Ich muss dann eigentlich immer erklären, dass es Kinder sind, wie auch in Kärnten am Land. Die einen frecher, die anderen fleißiger. Natürlich ist die Sprache ein großes Thema, jedoch ist das auch kein Wunder, wenn fast jeder fünfte Einwohner von Österreich in Wien lebt. Da gibt es natürlich mehrere Personen, die nicht deutsch sprechen. Auch muss man bedenken, dass es bis vor kurzem in meiner Heimat nicht mal ein Unterstufengymnasium gab. Meine Hauptschule war also eine Gesamtschule – es wurde nicht ausgesiebt, ein Vorteil denke ich.

Mir gefällt es in Wien vor allem, weil ich den Kindern wirklich ein Vorbild sein kann. Beschwerden gibt es vorrangig nur darüber, dass ich streng bin. Ich versuche einen Mittelweg aus mütterlicher Liebe und väterlicher Strenge zu finden. Bislang verlief das ganz gut. Auch die Anonymität genieße ich sehr, wenn ich in meine Wohnung fahre oder mich mit Kollegen und Freunden treffe. Es gibt fast keine Gerüchte über dein Privatleben, wenn niemand weiß wo du eigentlich wohnst und was du sonst so machst. Auch ist es schön, dass ich jederzeit Exkursionen durchführen kann, die Möglichkeiten sind fast grenzenlos. Ich bin viel Unterwegs mit meiner Klasse. Museen, Theater, Kino, Parkanlagen, Sporthallen, Sightseeing, Donauturm, Natur, Wald, schwimmen, u.v.m. bieten willkommene Abwechslungen.

Ein letzter Punkt ist wohl die Freundschaft. In meinem Kollegium habe ich tolle, professionelle, motivierte und nette Menschen kennengelernt. Daraus entwickelten sich auch Freundschaften – man kann sich aufeinander verlassen und unternimmt Dinge miteinander.

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